Menschenrechtsbildung

UNO-Kompilation zum Recht auf Menschenrechtsbildung

Alle regionalen und internationalen Instrumente zum Recht auf Menschenrechtsbildung auf einen Blick

Bedeutung für die Praxis

  • Die Zusammenstellung der regionalen und internationalen UNO-Instrumente zur Menschenrechtsbildung verdeutlicht das Bekenntnis der internationalen Gemeinschaft zum Recht auf Menschenrechtsbildung. Sie bietet eine gemeinsame Grundlage für die Förderung und das Einfordern der Menschenrechtsbildung.
  • Die UNO-Kompilation fördert die Verknüpfung regionaler und internationaler Bestrebungen im Bereich der Menschenrechtsbildung, indem weiterführende Initiativen, wie zum Beispiel der Vergleich nationaler Gesetzgebungen und deren Anpassung an internationale Standards, auf ihr aufbauen können.
  • Der Überblick über das internationale Soft-Law bezüglich Menschenrechtsbildung bildet gleichsam die Geschichte der UNO-Deklaration über Menschenrechtsbildung ab; diese kann als Unterrichtsmaterial in Menschenrechtsbildungsprozesse aufgenommen werden.

Im Auftrag der International Contact Group on citizenship and human rights education (Internationale Kontaktgruppe zur Bürgerrechts- und Menschenrechtsbildung) hat das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR) die Zusammenstellung von regionalen und internationalen Instrumenten zur Menschenrechtsbildung in einer Kompilation koordiniert und veröffentlicht. Die International Contact Group on citizenship and human rights education wurde 2011 konstituiert und verfolgt das Ziel, eine enge Kooperation unter den regionalen und internationalen Bestrebungen im Bereich der Menschenrechtsbildung sicher zu stellen. In der Kontaktgruppe beteiligen sich das UNO-Hochkommissariat für Menschenrechte (OHCHR), die Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO), das Büro für demokratische Institutionen und Menschenrechte der OSZE (ODIHR), die Europäische Kommission, die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA), die Arabische Organisation für Bildung, Kultur und Wissenschaft (ALECSO), die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und der Europarat.

Die UNO-Kompilation zum Recht auf Menschenrechtsbildung hat zum Ziel, die Menschenrechtsbildung zu fördern, indem sie den Weg für Impulse unterschiedlicher Art ebnet, zum Beispiel  den Vergleich von nationalen Gesetzgebungen und internationalen Vorgaben mit dem Ziel, die nationalen Gesetze mit den internationalen Standards in Einklang zu bringen. Ausserdem soll die Konzeption, Implementierung und Evaluation von Menschenrechtsbildungsprogrammen in allen Bildungsbereichen in Übereinstimmung mit den internationalen Vorgaben erleichtert werden.

Die UNO-Kompilation enthält englischsprachige Texte oder Auszüge aus internationalen und regionalen Instrumenten sowie Dokumente zur Menschenrechtsbildung wie auch allgemeine Kommentare und Empfehlungen relevanter Institutionen, die in der chronologischen Reihenfolge ihrer Annahme aufgeführt sind. Die Harvard Graduate School of Education und das Zentrum für Menschenrechtsbildung (ZMRB) der Pädagogischen Hochschule Luzern, das im SKMR für den Bereich Menschenrechtsbildung zuständig ist, haben zur UNO-Kompilation zum Recht auf Menschenrechtsbildung beigetragen.

Menschenrechtsbildung im Rahmen der UNO

Erst das Wissen und das Bewusstsein eines Menschen davon, dass er Menschenrechte und korrespondierende Pflichten hat, lassen Menschenrechte Wirklichkeit werden. Nur so können Menschen ihre Menschenrechte für sich in Anspruch nehmen und sich gleichzeitig auch solidarisch für die Rechte anderer einsetzen. Seit ungefähr zwei Jahrzehnten erlangt die Menschenrechtsbildung wachsende internationale Aufmerksamkeit und ihr Beitrag zur Durchsetzung der Menschenrechte wird mehr und mehr wahrgenommen.

1993 erfuhr die Menschenrechtsbildung auf internationaler Ebene eine wichtige Anerkennung in der Abschlusserklärung zur Wiener Menschenrechtsweltkonferenz, indem bekräftigt wurde, dass die Staaten gemäss der Allgemeinen Erklärung für Menschenrechte, dem Internationalen Pakt über wirtschaftliche, soziale, und kulturelle Rechte und anderen internationalen Menschenrechtsinstrumenten verpflichtet sind sicherzustellen, dass die Bildung darauf abzielt, den Respekt der Menschenrechte und Grundfreiheiten zu stärken. Weiter betonte die Weltkonferenz die Wichtigkeit des Einbezugs der Menschenrechtsbildung und hielt die Staaten an, diese zu berücksichtigen.

Anknüpfend an die Empfehlungen der Weltkonferenz riefen die Vereinten Nationen im Jahre 1995 eine Dekade für Menschenrechtsbildung (1995-2004) aus, die das Ziel verfolgte, dass die Mitgliedstaaten umfassende, effektive und nachhaltige Menschenrechtsbildungsprogramme auf nationaler Ebene konzipieren und implementieren. Zudem sollte die Zusammenarbeit diesbezüglich gestärkt werden. Die UNO-Dekade für Menschenrechtsbildung war eine erfolgreiche Initiative, verlieh dem Thema internationale Aufmerksamkeit und brachte internationale Kooperationen im Bereich der Menschenrechtsbildung hervor. Doch konnte sie nicht mehr als ein Anfang sein, da Menschenrechtsbildung die nachhaltige Unterstützung von allen relevanten Akteuren benötigt und eine längerfristige Priorität in nationalen Bildungssystemen geniessen muss, um eine nachhaltige Wirkung zu erzielen.

Basierend auf den Ergebnissen der UNO-Dekade für Menschenrechtsbildung (1995-2004) lancierten die Vereinten Nationen im Jahre 2005 ein Weltprogramm für Menschenrechtsbildung. Dieses hatte zum Ziel, ein gemeinsames Verständnis von grundlegenden Prinzipien und Methoden der Menschenrechtsbildung zu verbreiten, einen konkreten Rahmen für deren Umsetzung zu bieten sowie Partnerschaften und Zusammenarbeit auf allen Ebenen zu stärken. Dabei wurden in Etappen unterschiedliche Zielgruppen angegangen. Während sich die erste Phase des Weltprogramms (2005-2009) auf die schulische Menschenrechtsbildung konzentrierte, fokussierte die zweite Phase (2010-2014) auf die Menschenrechtsbildung im Universitäts- und Hochschulbereich sowie in der beruflichen Aus- und Weiterbildung von Staatsangestellten. Die dritte Phase (2015-2019) legt den Schwerpunkt auf die Menschenrechtsbildung mit Medienschaffenden.

Der UNO-Menschenrechtsrat wies in der Resolution 6/10 vom 28. September 2007 seinen beratenden Ausschuss an, einen Entwurf für eine Deklaration zu Menschenrechtsbildung und -training zu erarbeiten. Diese Initialzündung entsprach dem Mandat des UNO-Menschenrechtsrates, Menschenrechtsbildung zu fördern. Am 23. März 2011 nahm dieser den Entwurf einer UNO-Deklaration zu Menschenrechtsbildung und -training einstimmig an und reichte diesen an die UNO-Vollversammlung zur Verabschiedung weiter. Am 19. Dezember 2011 hat die 66. UNO-Generalversammlung die UNO-Deklaration zu Menschenrechtsbildung und -training einstimmig verabschiedet. Damit ging ein mehrjähriger Konzeptions-, Vorbereitungs- und Verhandlungsprozess erfolgreich zu Ende. Die Deklaration bildet den bisherigen Höhepunkt der UNO-Bemühungen im Bereich der Menschenrechtsbildung und unterstreicht die wachsende Bedeutung eines „Rechts auf Menschenrechtsbildung“. Damit das Recht auf Menschenrechtsbildung eine grössere Wirkung entfaltet, muss die Deklaration von den Akteuren der Menschenrechtsbildung verstanden und vollumfassend internalisiert werden sowie Eingang in die jeweiligen lokalen Kontexte finden.

Nutzen für die Praxis

Die Auseinandersetzung mit ausgewählten Dokumenten der UNO-Kompilation verschafft Praktikern/-innen der Menschenrechtsbildung einen konzeptionellen Rahmen für ihre Aktivitäten. Die Kompilation wirkt in diesem Sinne inspirierend, indem sie den Grundstein für mögliche Projekte legt. Des Weiteren ist die Kompilation eine Quellensammlung wegbereitender Dokumente, die zur Deklaration des Rechts auf Menschenrechtsbildung geführt haben, und sie kann daher für das Lernen über die Geschichte der Menschenrechtsbildung eingesetzt werden. Die Deklaration zum Recht auf Menschenrechtsbildung fügt sich an zahlreiche Menschenrechtsdokumente an, die ein Recht auf Menschenrechtsbildung erwähnen. Diese Bezüge hebt die Kompilation hervor und verdeutlicht die bestehenden Verknüpfungen zu den früheren Dokumenten zur Menschenrechtsbildung.

Für die Praxis der Menschenrechtsbildung dient die UNO-Kompilation vor allem zur Übersicht über Instrumente und Dokumente zur Menschenrechtsbildung der Vereinten Nationen sowie von regionalen Instrumenten und als Begründungsgrundlage für die Notwendigkeit von Menschenrechtsbildung. Fachpersonen, welche Menschenrechtsbildung fördern, in den Unterricht einbauen oder Menschenrechtsbildungsprojekte durchführen möchten, finden in der UNO-Kompilation viele Bezugstexte, um ihr Vorhaben gegenüber Dritten, u.a. Behörden, potentiellen Drittmittelgebern, Vorgesetzten, Schulleitenden etc., zu begründen.

Im schulischen Bereich beispielsweise äussern teilweise Eltern oder Schulleitende Vorbehalte gegenüber Vorhaben von Lehrpersonen, die Menschenrechtsbildung im Unterricht einzubauen – oftmals wegen Befürchtungen, dass die fächerübergreifende Menschenrechtsbildung einen weitreichenden Einfluss auf das Verhalten von Schülerinnen und Schülern aufweisen würde, z.B. in Form von Forderungen der Schülerinnen und Schüler nach mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten im familiären Zusammenleben oder in der Schule. Lehrpersonen können sich für den Einbezug von Menschenrechtsbildung in den Unterricht auf die Verpflichtungen zur Menschenrechtsbildung in den Dokumenten der UNO-Kompilation berufen.

Des Weiteren können Forschungsprojekte im Bereich Menschenrechtsbildung neben einer Kontextualisierung der Forschungsfrage mit Hilfe der UNO-Kompilation die Relevanz der diesbezüglichen Forschung begründen. Die UNO-Kompilation belegt nicht nur die Relevanz von Forschungsprojekten im Bereich der Menschenrechtsbildung, sondern ist auch Zeugnis für die eingegangene Verantwortung der Staaten, die Forschung im Bereich der Menschenrechtsbildung voranzutreiben.

Ebenso können Personen weiterer Berufsgruppen die UNO-Kompilation als Begründungsgrundlage nutzen, auch wenn keine Suchfunktion besteht, um nach Bezügen zu spezifischen Berufsgruppen zu suchen.

Im Weiteren senkt die UNO-Kompilation durch den einfachen Zugang und die Reduzierung grösserer Dokumente auf explizite Textauszüge zur Menschenrechtsbildung die Hemmschwelle für Nichtjuristen/-innen, sich mit den originalen Rechtstexten zur Menschenrechtsbildung zu befassen. Insofern erleichtert der einfache und kostenlose Zugang zur UNO-Kompilation beispielsweise Lehrpersonen die Verwendung von Originaldokumenten zur Menschenrechtsbildung. Erschwerend kann für die Lehrperson je nach Unterrichtsstufe jedoch die Aufbereitung der englischsprachigen Originaldokumente sein. Für einen allfälligen Einbezug im Unterricht erweist es sich als Nachteil, dass diese möglicherweise nicht dem Niveau der Lernenden entsprechen und keine auf die Dokumente verweisenden Unterrichtseinheiten vorgeschlagen werden bzw. verfügbar sind.

Darüber hinaus animiert die UNO-Kompilation zur Auseinandersetzung mit verschiedenen regionalen Instrumenten zur Menschenrechtsbildung. Die Bekanntmachung auch regionaler Instrumente vermag die Planung und Durchführung von zusätzlichen  Menschenrechtsbildungsprogrammen anzuregen. Dabei muss allerdings beachtet werden, dass zu deren Evaluation in der UNO-Kompilation keine Zusammenstellung geeigneter Kriterien eingefügt worden ist.

Für Vertiefungen bezüglich von Konzepten der Menschenrechtsbildung und von For-schungsfragen stellt die UNO-Kompilation eine hilfreiche Basis dar. Sicherlich muss dabei beachtet werden, dass sie kontinuierlich aktualisiert wird, um dazu weiterhin als brauchbares Instrument dienen zu können.

Ausblick

Der UNO-Kompilation zum Recht auf Menschenrechtsbildung gelingt es, mögliche Hürden für die Nutzung von Menschenrechtinstrumenten durch die Zivilgesellschaft tief zu halten, in dem sie das Auffinden relevanter Dokumente, die das Recht auf Menschenrechtsbildung verankern, erleichtert. Die rechtlichen Grundlagen sowohl für die Einhaltung der staatlichen Verpflichtungen als auch die Umsetzung internationaler Standards sind damit zugänglich und bereit für die Umsetzung in die Praxis. Die UNO-Kompilation ist vor allem für einen orientierenden Überblick von Nutzen und um das Engagement für die Menschenrechtsbildung zu begründen. Sie schafft einen Anreiz für neue Menschenrechtsbildungsprogramme, bietet allerdings dafür keine weiterführenden Informationen, Empfehlungen oder Beispiele.

23.04.2015