Themenbereich Geschlechterpolitik

Nationale Kampagne gegen Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung im Sport

Die Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Sportämter (ASSA) hat in Zusammenarbeit mit Swiss Olympic eine nationale Sensibilisierungskampagne «Stopp Homophobie im Sport» lanciert

Bedeutung für die Praxis

  • Homophobie im Sport ist eine Realität in der Schweiz.
  • Eine nationale Sensibilisierungskampagne wurde lanciert, um gegen Ignoranz, Sexismus und Homophobie im Sport zu kämpfen und den gegenseitigen Respekt und die Toleranz zu fördern.

Homophobie und Werte, die im Sport gefördert werden

Diskriminierungen aufgrund der sexuellen Orientierung im Sport sind in der Schweiz eine Realität. Zu viele Menschen leiden deswegen unter verbaler, physischer und psychischer Gewalt. Die Homophobie erzeugt Leiden bei diesen Personen, insbesondere bei jüngeren Betroffenen. Als Konsequenz daraus können viele ihren Sport nicht frei wählen und ihre sexuelle Orientierung innerhalb ihres sportlichen Umfelds nicht offenlegen. Die Frage der Homosexualität wird häufig totgeschwiegen und damit tabuisiert.

Die Olympische Charta jedoch macht in ihren «Grundlegenden Prinzipien des Olympismus» klar, dass «jede Form von Diskriminierung eines Landes oder einer Person aufgrund von Rasse, Religion, Politik, Geschlecht oder aus sonstigen Gründen (…)  mit der Zugehörigkeit zur Olympischen Bewegung unvereinbar ist» (Prinzip 6, Charta von 2013). Ausserdem hält das erste Prinzip der Ethik-Charta im Sport, die durch Swiss Olympic, das Bundesamt für Sport sowie von den Schweizerischen Sportverbänden unterstützt wird, fest, dass alle Personen gleichbehandelt werden sollen: Nationalität, Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung, soziale Herkunft und religiöse oder politische Ausrichtung dürfen nicht zu Benachteiligungen führen. Diese Prinzipien werden in den einzelnen Sportclubs aber nicht vollständig durchgesetzt.

«Stopp Homophobie im Sport»

Aus diesem Grund lancierten die Arbeitsgemeinschaft Schweizerischer Sportämter (ASSA) und Swiss Olympic am 31. Januar 2014 eine nationale Sensibilisierungskampagne. Mit ihr sollen Ignoranz, Sexismus und Homophobie bekämpft und gegenseitiger Respekt und Toleranz gefördert werden. Die Kampagne «Stopp Homophobie im Sport» hat zum Ziel, die Sportler/-innen, ihre Umgebung und die Zuschauer/-innen auf Diskriminierungen aufmerksam zu machen, die auf die sexuelle Orientierung zurück zu führen sind, und den Ansatz zu fördern, dass jeder Mensch das Recht hat, den Sport seiner/ihrer Wahl unter den bestmöglichen Umständen auszuüben, unabhängig von der sexuellen Orientierung. Dafür wurden fünf Plakate entworfen. Diese sollen in allen Sportstätten der Schweiz aufgehängt werden. Sie zeigen Symbole in den Regenbogenfarben der Fahne der Homosexuellen-Community, die mit folgenden Slogans versehen sind: «Penalty gegen Homophobie» (ein Ball), «Keine Zeit für Gender-Diskriminierung» (eine Stoppuhr), «Augen auf für mehr Toleranz» (eine Skibrille), «Keine Podestplätze für Gender-Diskriminierung» (ein Siegerpodest), und «Slapshot gegen Homophobie» (ein Eishockeyhelm). Ausserdem steht auf jedem Plakat das erste Prinzip der Ethik-Charta im Sport. Zusätzlich wurde ein Faltblatt entworfen, das Erklärungen zur Kampagne enthält. Die Plakate und Faltblätter in den Sprachen Deutsch, Französisch und Italienisch wurden über die Mitglieder der Sportvereine in der ganzen Schweiz verteilt.

Aktuelles Thema

Die Lancierung der Kampagne im Januar 2014 geschah zu einem Zeitpunkt, in dem die Thematik der Homosexualität, insbesondere der Homosexualität im Sport, im Rampenlicht stand. Zuerst anlässlich der Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Moskau im August 2013 und danach während der olympischen Winterspiele in Sotchi im Februar 2014, die ebenfalls von Russland organisiert worden waren. Die Position des russischen Präsidenten Wladimir Putin gegenüber potentiell homosexuellen Athleten/-innen, Journalisten/-innen oder Touristen/-innen, die in Sotchi erwartet wurden, hat viele Reaktionen aus dem Sportbereich hervorgerufen. Die olympischen Spiele von Sotchi bedeuteten deshalb einen Wendepunkt für das Thema Homophobie im Sport. Die Athleten/-innen, die ihr Coming-out hatten, wurden von Prominenten dafür gewürdigt und Athleten/-innen wurden dazu ermuntert, ihre Homosexualität offen zu leben. Ausserdem hat die Öffentlichkeit durch Zeugnisse von homosexuellen Athleten/-innen erfahren, unter welchen Diskriminierungen Sportler/-innen bei der Ausübung ihres Sports leiden.

Homophobie im Sport

Man kann sich fragen, warum gerade im Sport eine Kampagne gegen Homophobie lanciert wurde, denn es scheint, dass die Sportinstitutionen in der Schweiz bereits auf das Thema sensibilisiert sind. Trotzdem bleibt noch viel zu tun. Homophobie präsentiert sich im Sport auf gewalttätigere Art, als in anderen sozialen Kontexten. Obwohl bisher relativ wenig soziologische Forschungsarbeit auf diesem Gebiet geleistet wurde, zeigen die wenigen existierenden Studien in der Tat, dass Genderstereotypen im Sport stark verbreitet sind (siehe dazu etwa den Artikel von Quentin Bohlen auf lesvestiairesdusport.ch, in Französisch). Festzustellen ist, dass der Männersport auf Werten wie Männlichkeit und Konfrontation basiert. Da Homosexuelle im Vergleich zu Heterosexuellen als unmännlich angesehen werden, erfüllen sie automatisch die Charaktereigenschaften eines Sportlers nicht und werden als leistungsschwach gesehen. Diese angenommene Leistungsschwäche kann ein verstärkender Faktor für Homophobie sein. Im Frauensport zeigt sich Homophobie anders und ist weniger sichtbar. Sportlerinnen, die nicht zierlich sind und auch ihre Kraft zeigen, werden häufig als «unweiblich» klassifiziert, und in dem Zusammenhang werden Fragen zu ihrer Sexualität gestellt. Das kann zur Konsequenz haben, dass die Athlethinnen aus Angst, als Lesben abgestempelt zu werden, sich dazu gezwungen fühlen zu beweisen, dass sie nicht lesbisch sind. Ausserdem ist darauf hinzuweisen, dass sich Homophobie im Sport, ob bei Frauen oder bei Männern, von anderen Kontexten unterscheidet, da die Athleten/innen Garderoben teilen, physischen Kontakt mit anderen Athleten/-innen bei der Ausübung des Sports haben und sich in einer Umgebung entwickeln, in der der Körper einen anderen Stellenwert hat. 

Platz im Sport

Die Diskriminierungen drängen die Opfer dazu, sich zusammenzuschliessen und ihre Sportart unter sich auszuüben, damit sie ihre sexuelle Orientierung nicht verstecken müssen. Es gibt ca. 20 LGBTI-Clubs in der Schweiz, die in der Öffentlichkeit bisher wenig bekannt sind. Diese Clubs für verschiedene Sportarten erlauben es den Athleten/innen ihre sexuelle Orientierung offen zu zeigen und sich gleichzeitig in den gleichen Ligen wie die sogenannt traditionellen Teams zu entwickeln. So werden auch regelmässig europäische Wettkämpfe, die Eurogames und internationale Wettkämpfe, die Gay Games, für LGBTI organisiert und das schon seit mehr als 30 Jahren. Diese Ereignisse sind in den Medien jedoch wenig präsent, obwohl an ihnen mehr Athleten/-innen teilnehmen, als an den olympischen Spielen. Abschliessend sollte gesagt werden, dass im Sport die Fähigkeit einer jeden einzelnen Person, die Leistung und das Engagement im Vordergrund stehen sollte. Werte wie Toleranz, Kollegialität und Solidarität, die durch den Sport weitergegeben werden, müssen respektiert werden. In einer Zeit, in der der Sport übermedialisiert ist und Sportlerinnen und Sportler Vorbilder für Kinder und Jugendliche sind, sollte jede/-r Athlet/-in, jeder Sportclub und jede Institution als gutes Beispiel vorangehen: «Stopp Homophobie im Sport».

05.06.2014